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STADTPLAN NÜRNBERG:
FOLKLORE HINTER STAUBIGEN FASSADEN
Sie hat es nicht leicht.
Von Westen her drückt sich Fürth an ihre Grenze, mitten durch ihr Herz presst sich die A 73 und von der Seite rempelt die
Bahnstrecke Nürnberg-Bamberg und gerade hier trifft der Altstadtring auf die wichtigste Straße nach Fürth, die Fürther Straße.
Nürnberg also. Die fränkische Stadt an der Pegnitz, deren Charme sich nährt aus einer Geschichte, die zurückreicht bis ins
römische Reich und die sich niederschlägt in Architektur und Lebensgefühl. Hinter den Stadtmauern bedient der ewige
Bratwurstdunst ein stereotypes Klischee, das japanische Touristen so lustig finden.
Dennoch: Die Pracht der Altstadt mit den stolzen Patrizierhäusern, den hölzernen Brücken über die Pegnitz, inmitten des
Kerns das hehre Burgviertel - es ist nur eins der Gesichter der Stadt, deren Persönlichkeit viel weiter reicht als bis zum
Ende eines ausgelassenen japanischen Diaabends.
Mit der Hauptader des Verkehrs nämlich und mit ihrem westlich an sie stoßenden Stadtteil Gostenhof zeigt sich eine ganz
andere Seite dieser Stadt mit dem steten Bemühen um Exzellenz, nicht nur der japanischen Touristen wegen:
Die bleichen Mietskasernen rücken hier nahe zusammen, treten an zu einer grau verschmolzenen Wand wie Panzer Momente vor
der Schlacht. Als in den ausgehenden Siebzigern die Zeit aus ihrem Korsett sprang und der gesellschaftliche Wandel begann,
richteten sich Gastarbeiter in den billigen Wohnungen ein. Multikulti gab dem grauen Stadtteil fortan eine bunte Note und
so wurde Gostenhof zu „Gostanbul“, das viele Künstler anzog, die mit öffentlichen Geldern bunte Wandbilder auf triste
Hinterhofmauern malten.
Linker Hand nun erhebt sich die prächtige Architektur des Justizpalastes an der Fürther Straße. Er zieht die edlen Karossen
der Staatsanwälte an sich wie ein Magnet, der in eine Schachtel mit Reißzwecken gefallen ist. Schärfer mag der Kontrast
nicht sein: würde man das staubige Gostenhof und das Justizviertel mit einem Schützengraben teilen, er liefe durch die
Fürther Sraße.
Fern der geregelten Abläufe der Stadt spuckt die Peristaltik der Fürther Straße ein Blechgeschwader aus und spült es hinein
in das Auge des Sturms, den Plärrer. Dahinter, in den Seitenstraßen, verlangsamt sich ihr Tempo und hält schließlich an.
In wellenförmigem Laut und Leise dringen Stimmen türkischer Bewohner heran, Frauen mit Kopftüchern rufen Kinder zur Ordnung.
In den Mietskasernen sprudelt Multikulturelles: allerhand Trödelkram findet sich hier, auch die "Home Company",
die möbliertes Wohnen für Studenten vermittelt. In der "Musikzentrale" können Interessierte einen Didgeridoo-Kurs belegen,
dazu Folklorevereine, die dem grimmigen Grau der Fassaden eine bunte Note geben. Viele exotische Küchen, nur keine deutsche,
schon gar nicht mit Bratwurstdunst.
Auch einen deutschen Bäcker gibt es hier schon lange nicht mehr. Und in dem Gründerzeithaus in der Fürther Straße 54, das wie
geschaffen schien für einen Zeitungskiosk, der 1977 dort noch beheimatet war, residiert heute ein türkischer Gemüseladen.
Ein Wandel, dessen Schatten wie ein Späher vorauskriecht, über den Stadtteil Gostenhofs hinaus, und sogar Fotografen wie
Herbert Liedel dazu inspiriert, ein Zeitzeichen festzuhalten: 2009 fotografiert er einen Mann, wie er einen
"Gostanbul"-Schriftzug von einer Hauswand wäscht und porträtierte eine türkische Bäckerei.
Dass Gostenhof nicht nur bunte Seiten hat, weiß Liedel von einem Kollegen, der wegzog, weil er "zu viele Konflikte erlebt"
hatte und den Ort "mal wissenschaftlich untersuchen" lassen will. Leicht wird es nicht.
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