Schon während man die drei steinernen Stufen hinauf zum Wohnheim des SOS-Kinderdorfes für Kinder psyschisch kranker Eltern
betritt, wird man Zeuge einer lebhaften Unterredung. Es geht um angebrannte Pizza, die Tiombe, das Mädchen aus Äthiopien,
in der Wohnküche des Wohnheimes zu verantworten hat. Birgitta Kronenberg, die Betreuerin der Wohngruppe aus insgesamt zwölf
Jugendlichen, schimpft. Für einige Momente wirbelt sie zwischen Büro und Küche hin und her, versorgt wie nebenbei das
ständig schrillende Telefon, sieht nach dem neuen Gasofen in der Küche, beendet schnell noch die Unterredung um die Pizza.
Bloß nicht laut sprechen, es dürfe auf keinen Fall jemand etwas mitbekommen, ihren Lebenslauf, den sie "Hardcore" nennt.
Birgitta spricht sanfter, weniger kerlig als man es erwartet von dieser kräftigen Person. Soll diese Frau, die vor 40 Jahren
in der geschlossenen Psychiatrie in Buenos Aires geboren wurde, mit der robusten Architektur und der festen Stimme, wirklich
so eine abgezehrte Vergangenheit haben? Das glatte, aufgeräumte Äußere steht im Widerspruch zu ihren ziellosen Bewegungen,
die ihren Rhythmus auf ihre Ordnung zu übertragen scheinen. Auf ihrem Schreibtisch türmen sich Akten und Unterlagen, ein
weißer Porzellanengel ziert ein papierfreies Quadrat links neben dem Computer. "Hat eine Ehemalige mir geschenkt". Auch
im weißgestrichenen offenen Regal daneben regiert das Chaos. Mit der Dynamik ihrer Unordnung weiß sie zu kokettieren:
"Ich brauche das, hier herrscht immer Unordnung". Dann ist sie zum Gespräch bereit.
Es ist eine Herausforderung, dieser Frau gegenüber zu sitzen, ihrem Blick standzuhalten, ihrer Herzlichkeit. In den hellblauen
Augen dieser blonden Frau liegt eine sagenhafte Klarheit. Sie trägt die Jeans und den fliederfarbenen Pulli eines anderen,
größeren Menschen. Selbst nach einem zwölfstündigen Arbeitstag wirkt sie wie frisch aus der Packung entnommen, wie in einer
Luftblase, von der Außenwelt geschützt durch eine unsichtbare Hülle, die sie umschließt.
Sie geht auf das Fenster zu und öffnet es, um den Pizzadunst gegen die beißende Januarluft einzutauschen. Ihre Arme machen
dabei eine kolbenartige Bewegung, als hätte die Luft Anfasser, mittles derer sie sich vorwärts zieht.
Die Frage, ob das dunkelhäutige Mädchen sie überhaupt verstehen würde, verneint sie uneingeschränkt. "Klar haben viele
Jugendlichen hier Verständigungsprobleme." Im Wohnheim gebe es viele Nationalitäten, Iraker, Iraner, Ähtiopier,
auch Deutsche, sagt sie. "Manche verstehen nicht ein Wort Deutsch, dann wird es schwierig."
Geboren wurde sie 1970 in Buenos Aires in der Psychiatrie, als Tochter einer an Schizophrenie erkrankten Mutter und
eines Busfahrers. Das habe sie unbewusst stark geprägt und verfolge sie wie eine unsichtbare Überschrift über ihrem Leben,
sagt sie. Im Alter von drei Monaten wurde sie von einem deutschen Paar adoptiert, der Vater Vorstandsmitglied bei Siemens,
die Mutter Architektin.
Wenn sie von Südamerika spricht, klingt es wie ein liebevolles Zugeständnis an eine ungeordnete Welt. "Wenn in Argentinien
ein Bus nicht kommt, dann ist es eben so." Das Klischee unterscheide Deutschland von Argentinien, wo es auch mehr Herzlichkeit
unter den Menschen gebe. Das Pendeln zwischen den Welten beginnt 1976, als in Argentinien die Militärdiktatur ausbricht und
Siemens seine Mitarbeiter nach Deutschland ruft. Es beginnt ein ständiges Hin- und Her, Argentinien - Deutschland,
Deutschland- Argentinien. Mein Hauptwohnsitz war ab sofort zwischen den Welten, sagt sie.
Die Frage nach ihren Wurzeln, ihrer Heimat wird sie nicht klar beantworten können: "Es gibt keinen Ort, mit dem ich
verwurzelt bin, es ist eher die Natur, das Meer, Freunde, die Arbeit." Sie wird in Privatschulen erzogen, sie ist eine
gute Schülerin. Sie wird später mit 20 das argentinische Abitur machen, gleich im Jahr darauf das deutsche Abitur. Als
sie im September 1990 nach München kommt, um dort Pädagogik, Soziologie und Psychologie zu studieren, erlebt sie die
erste schlimme Krise: "Keine Freunde, keine Eltern, ich fühlte mich mit nichts und niemandem verbunden". Es habe kein
einziges Wesen gegeben, mit dem sie sprechen konnte, keinen Ort, kein Cafe, keine Stelle im Wald habe existiert, sagt
sie. Sie kehrt für eine Zeit in die geschlossene Psychiatrie zurück und erholt sich dort vorübergehend.
Geholfen hat ihr damals ihr Kämpferinstinkt, angestachelt von einem Grundschullehrer, der sich die Bemerkung erlaubte,
sie gehöre in die Sonderschule. Sie befürchtet eine schizophrene Disposition. Um sich selbst und ihm ihren Überlebenswillen
zu beweisen, hat sie später ihr Abizeugnis in seinem Briefkasten deponiert. Der Kampf gegen das Stigma des Wahnsinns komme ihr heute zugute, sagt sie. "Für Frauen ist es leichter, artig zu sein, aber so bin ich eben nicht." Mit den Jahren schleife sich die Kampfhaltung etwas ab, was vieles leichter mache.
Sie denkt schnell, spricht konzentriert, sie entwickelt ihre Gedanken kontrapunktisch aus Damals und Heute. Das Pendel,
sagt sie, sei ein guter Ausdruck für ihr Leben, immer in Bewegung, ruhelos und auf der Suche nach den Wurzeln, nach ihrem
Selbst. Erstaunlicherweise ereifert sich nie beim Erzählen, sie übt sich in kühler Betrachtung des Erlebten, als würde sie
auf ein fremdes Leben blicken.
Immer wieder folgen Krisen, die in die Psychiatrie führen. Ihre Weltverlorenheit erfährt erneut eine Auflage, wie das
Aufblitzen einer unsichtbaren Norm, die über ihr Leben herrscht, als ihr bester Freund Jörg sich 1996 das Leben nimmt.
Sie gilt als akut suizidgefährdet. Sie wirft immer wieder das glatte, akurat geföhnte Haar zurück, wie eine Plage, die
sich trotz aller Mühe nicht vertreiben lässt. Oder ist es nur Selbsthypnose, die wie ein Schutz wirkt?
Wovon sie nachts albträume ? Sie liege nachts oft wach und habe Angst vor einem Wahnsinn, für den sie keine Worte habe.
Angst vor einem heillosen Refrain, der über ihrem Leben herrschen könnte.
Was Psychiatrie für sie bedeute? Eine Träne sammelt sich in ihrem linken Auge. Für einen Moment verschwimmen die Grenzen
zwischen dem Kind von damals und der Frau von heute. Sie erzählt von der intensivsten Zeit ihres Lebens, als sie sich 1993
entschließt, ihre leibliche Mutter in Patagonien zu suchen. Wie geübt in der Kunst der emotionalen Selbstmanipulation bleibt
sie auf die Frage, wie sie die Suche nach ihrer leiblichen Mutter erlebt habe, äußerlich regungslos. Sie hat zerbrochene
Erinnerungen, wie in sich verdreht. "Es waren mindestens dreißig Verwandte um mich herum, die mich empfangen haben wie den
Papst."
Ihr Körper reagiert auf die übewältigenden Eindrücke mit einer Depression. "Ich hatte einfach keine Kraft mehr zum Sortieren
der Erlebnisse." Im September 1994 kommt sie zurück nach Deutschland und in derselben Nacht in die geschlossene Psychiatrie.
Dort unterwirft sie ihre Seele einer Art Vollwaschgang. "Ich war akut suizidgefährdet. Der Aufenthalt hat mir gut getan,
auch wenn es seltsam war, beim Duschen überwacht zu werden." Einige Minuten lang folgt Schweigen. Diese Zeit hat offenbar
keine Tiefenschärfe. Dann kehrt sie zurück ins Heute.
Hat sie eine Vision, eine Leidenschaft? Sie sitzt mit einem hochgezogenen Knie. Sie freue sich über Teilerfolge, wenn einer
ihrer Schützlinge gute Noten mitbringe, wenn die Jugendlichen die angebotene Hilfe annehmen, sich menschlich weiterentwickeln.
Anna beispielsweise, eine Ehemalige, die an Festen wie Weihnachten immer wieder zu Besuch komme. An der sie die Bedeutung
ihrer Arbeit erkennen könne.
Ob sie ihre eigenen Spuren an den Jugendlichen hinterlasse? "Es wäre ein grober Fehler, hier das eigene Erlebte aufzuarbeiten".
Natürlich komme ein Kind immer mit der eigenen Biografie in Berührung. Aber sie habe jede Menge Krisen überstanden und ihre
Arbeit markiere beinahe nahtlos den Übergang zu ihrem eigenen Heilwerden. Mit ihrer Arbeit hier sei sie erwachsen geworden
und was sie empfinde, seien keine Verzweiflung oder Trauer, sondern Wachstumsschmerzen.
Sie dreht das Handgelenk und hebt die Armbanduhr vors Gesicht. Dann ist sie auch schon weg.