zurück zur Hauptseite

ERFRISCHEND LANGSAM:
CORINNE WASMUHT - SUPRACITY


Das ist doch einmal was: Junge Künstler entdecken wieder Pinsel und Farbe.
Corinne Wasmuht (geboren 1964 in Dortmund, lebt und arbeitet in Berlin und Karlsruhe) ist eine Vertreterin dieser jungen Generation, deren Bilder durch disziplinierte Maltechnik auffallen.

In ihren Arbeiten - alle Öl auf Holz und meist von monumentaler Wucht - greift die Künstlerin thematisch vorwiegend Motive aus der Alltagswelt auf: In ihrer Ausstellung „Supracitiy“ in der Kunsthalle Nürnberg tauchen mit dem Gemälde 703, 2009 urbane Architekturen und autark wirkende Landschaften auf, Welten, deren Namen im Unklaren liegen und die Fragmente einer Großstadt-Szene zu enthalten scheinen. Links im Bild eine Straßenszene, rechts noch der Blick auf eine Stadt aus der Vogelperspektive. Menschliche Figuren, schemenhaft und meist gesichtslos, wie aus den selbstreinigenden Gehegen der Natur entlaufene Mutanten: flächig, auf einem gedachten Boden liegend, bilden sie Körperpfützen, Fleischlachen, Leibtümpel. Breit gezogen und eigenartig verzerrt erinnern sie an Hans Holbeins berühmten Totenkopf.

Auf dem Gemälde 50 U Heinrich-Heine-Str. (2009) sind Verkehrsschilder, Busse, Fassaden, Menschen in alle Richtungen laufend zu sehen, einige wie aus der Ferne herangezoomt, wie bekannte Teile einer Alltagswirklichkeit. Andere Arbeiten der Künstlerin (etwa Pathfinder, 2002) lassen den Betrachter in Räume blicken, die wie gemalte Realarchitekturen erscheinen: in die Tiefe fluchtende Straßen, Schwimmbäder, Parkhäuser, daneben loftartige Interieurs (Madrid, 2003) oder Eisgrotten (Tunnel, 2000). In ihrer Malerei reflektiert die Künstlerin den Blick auf die Welt als aus vielen Schichten zusammengefügten Welt-Blätterteig - das Weltmodell als Ge-Schichte.

Die Bilder sind alles zugleich: flächig und tiefenräumlich, abstrakt und gegenständlich. Die hinter dem Dahinter ein weiteres Dahinter und ein dichtes Neben-, Über-, und Miteinander erschaffen. Zugleich bilden sie multiperspektivische Bildräume und scheinen diese durch formale Wurmlöcher miteinander zu verschränken.

Die Fragmente der Alltagswelten folgen einer eigenen Ordnung, sind meist ohne erkennbaren Fluchtpunkt und - häufig verzerrt - machen sie das Betrachten zu einer perspektivischen Berg- und Talfahrt. Der Besucher, irritiert, muss den Blick immer wieder neu ausrichten, weil ihm der gerade gefundene Anhalt im Moment der Fixierung schon wieder entgleitet (etwa Haare III, 1993). Beim genaueren Hinsehen lässt sich erkennen, dass die Information der vielen Details, bakteriengleich, ebenso eine Form der Illusion des Daseins darstellt wie die vermeintlich bekannte Alltagswelt und deshalb unschwer in diese umschlagen kann: Das verhindert, dass man statt betrachtenden Abtastens einfach mal die Fingerprobe macht (etwa Siempre es hoy, 2007).

Den Betrachter bannen Farben von heller Strahlkraft, die lediglich an den Schnittstellen der Bildräume fein abgestuft sind. Dann plötzlich greift die Künstlerin wie beim vielhändigen Klavierspiel in die Tasten: ein entzündliches Rot, ein giftiges Grün, dessen Farbtemperatur bisweilen in schillernde Abgründe driftet.

In einer schnelllebigen Zeit nutzt Corinne Wasmuht pikanterweise ausgerechnet das langsamste Medium, die historische Malereikunst, und spiegelt so die moderne Geißel der Menschheit: die fehlende Maßstäblichkeit von Zeit und Ort und die Illusion der Gleichzeitigkeit mit den beschleunigten Wahrnehmungsgewohnheiten.

Offenbar bleibt Corinne Wasmuht in allen Arbeiten dieser Idee treu: Warum nicht die ausgetretenen Pfade der notorischen Concept- und Minimalkunst verlassen, auch um die Maut aus Gestrigkeit, die man für die Nutzung zu entrichten hat? Mit Wasmuhts Malerei blickt der Besucher auf ein erfrischend langsames Medium, das alle anderen Ideen von aktuellem Kunstschaffen in den Schatten stellt. Die Arbeiten überzeugen in zweifacher Hinsicht: durch das Handwerk wie durch eine wirksame künstlerische Aussage bei dem heutigen Primat der Medienfusionen und massenhaften Bilderflut.