REZENSION
Rijsingen, Hannie van: Unsichtbare Affären. Per Mausklick zum Sexkick.
Verlag: Orlanda Verlag, 2010
Paperback, 168 S.
ISBN: 978-3-936937-76-3
€ [D] 14,50
€ [A] 15,40
In „Unsichtbare Affären. Per Mausklick zum Sexkick“ von H. v. Rijsingen geht es um Sexsucht und Internetpornografie und um
die Auswirkungen auf das Beziehungsleben. Das Buch sensibilisiert für die Notwendigkeit der eigenen Haltung, wie er das
Internet im Zusammenhang mit Sex nutzen will.
Der Ratgeber zum Thema Cybersex gibt Antworten auf die Frage, wie sich virtueller Pornokonsum in einer Beziehung bemerkbar
macht. Hannie van Rijsingen berichtet von Fällen aus ihrer Arbeit als Sextherapeutin und lässt Sexsüchtige und „Opfer“ zu
Wort kommen. Eindrücklich beschreibt sie den Schock der Ehefrauen, die einschlägige Adressen und Pornoseiten auf dem Rechner
ihres Mannes finden. Die Autorin lässt den Leser die Affekte und Qualen von Selbstzweifeln der Betrogenen durchleben.
Besonders beklemmend ist die Passage, in der Rijsingen darstellt, wie die Gefühle der betroffenen Frauen einem seelischen
Trauma ähneln. Im sechsten Kapitel rückt die Autorin die typisch weiblichen Verarbeitungsmuster ans Licht und schildert,
was Frauen unternehmen, um der Krise die Stirn zu bieten.
Wie auch Myrthe Hilkens in ihrem Buch "McSex - De Pornoficatie Van onze Samenleving" („McSex – Die Pornofizierung unserer
Gesellschaft“) beschreibt Rijsingen eine gesellschaftliche Realität und zeigt, dass Internetsex mit Sexualität nichts mehr
zu tun hat – es fehlt an Kontakt und Intimität. Der Ernst der Lage beruht darauf, dass Frauen anfangen, ihre eigenen Grenzen
zu verschieben oder sogar zu überschreiten, auf der verzweifelten Suche nach Anpassung an die Bedürfnisse ihres Mannes,
nach Aufrechterhaltung der Beziehung. Ganz klar räumt Autorin mit einem beinahe flächendeckenden Irrtum auf: Eine Sexsucht
kann nicht geheilt werden, indem sich die Partnerin zur Anpassung durchringt. An einer Stelle spitzt Rijsingen den Stift:
„Werden Sie sich bewusst, dass Sie seiner Sucht gegenüber machtlos sind.“ Und es wird noch ernster: Durch den Konsum von
Porno-Websites verfestigt sich bei den Männern „die Vorstellung, dass Frauen Männern sexuell gefällig sein und deren
Bedürfnisse befriedigen sollen“, urteilt die Therapeutin. (Zu) kurz geht sie schließlich auf das ernste Problem ein, wie
die Jungen mit dem Frauenbild umgehen lernen sollen, das unsere sexualisierte Gesellschaft ihnen als vorherrschend anbietet.
Das Buch ist sehr informativ, enthält allerdings einige Wermutstropfen. Mechanisch wie ein Zählwerk wird aufgelistet, woran
die Betrogene virtuelle Seitensprünge ihres Mannes erkennt und womit sie zu rechnen hat, wenn das geheime Sexleben enthüllt
wird. Das Hölzerne verstärkt sich durch den oft formelhaften Sprachstil, der den Lesefluss etwas behindert. Etwas ermüdend
ist auch die Klischeehaftigkeit, mit der die Autorin den Cybersex in das Gebiet der nur männlichen Abgründe verweist. Wenig
gendersensibel geschrieben erweckt das Buch den Anschein, die Frauen in den Adel der (virtuellen) Keuschheit zu erheben zu
wollen. Auch drängen sich – etwas unsortiert - wörtliche Rede von der Psychocouch, philosophisch anmutende Sequenzen und
ratgeberisch motivierte Passagen aneinander. So arbeitet sich der Leser recht mühsam durch die Kapitel.
Die Autorin:
Hannie van Rijsingen arbeitet als Sextherapeutin in den Niederlanden, besitzt seit 1974 eine eigene psychologische Praxis
und hat sich auf das Thema Internetsex und seine Auswirkungen spezialisiert.
Gesamturteil:
Das Außergewöhnliche des Buches ist es, dass es ohne den schwer lesbaren Sprachstil eines psychiatrischen Lehrbuches
auskommt. Als Expertenrat liest sich das Buch erfrischend unmoralisch. Zugleich enthält es einen klaren Appell: In der
heutigen Internetgeneration kommt kaum ein Mensch mehr daran vorbei, Stellung zu beziehen, wie er mit Internetsex umgehen
will. Rijsingen legt einen Ratgeber vor, der seine Leser für ein zentrales, aber verschwiegenes Thema sensibilisiert – und:
betroffen – entlässt.
|